Was sind SNRI?

Duloxetin
Diagramm zum WirkmechanismusSerotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) sind Antidepressiva, die bei einigen chronischen Schmerzbildern auch analgetisch wirken können. Sie erhöhen die Verfügbarkeit von Serotonin (5-HT) und Noradrenalin (NA) in deszendierenden, schmerzmodulierenden Bahnen, die die Verarbeitung nozizeptiver Signale im Rückenmark und im Gehirn beeinflussen.
Im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva (TZA) sind SNRI selektiver und verursachen in der Regel weniger anticholinerge und kardiale Nebenwirkungen. Das macht sie nicht nebenwirkungsfrei, aber häufig leichter einsetzbar bei älteren Erwachsenen und bei Personen, die TZA schlecht vertragen.
Duloxetin wird häufig gewählt, weil es sowohl Stimmungssymptome als auch die zentrale Verstärkungskomponente adressiert, die einen chronischen Schmerz begleiten kann.
Duloxetin ist für chronischen muskuloskelettalen Schmerz, Fibromyalgie und schmerzhafte diabetische periphere Neuropathie zugelassen — das ist ein Grund, warum es bei persistierendem muskuloskelettalem Schmerz häufig der am besten evidenzgestützte SNRI ist. Milnacipran ist für die Fibromyalgie zugelassen und bietet ein stärker NA-betontes Profil. Bei myofaszialem Schmerz sind SNRI vor allem dann relevant, wenn zentrale Sensibilisierung, verbreitete Schmerzen, depressive bzw. ängstliche Symptome oder eine Überlappung mit einer Fibromyalgie bestehen.
Wirkmechanismus
SNRI werden in der Schmerzmedizin eingesetzt, weil sie die Übertragung in deszendierenden, schmerzmodulierenden Bahnen verstärken können. Jeder SNRI hat ein etwas anderes Selektivitätsprofil — das erklärt mit, warum die Wirkstoffe nicht in jeder Situation gleichwertig sind.

Wirkmechanismus
MechanismusdiagrammHemmung der Serotonin-(5-HT-)Wiederaufnahme
SNRI blockieren den Serotonintransporter (SERT) an präsynaptischen Endigungen und vermindern damit die Wiederaufnahme von 5-HT aus dem synaptischen Spalt. Das erhöht die Serotonin-Verfügbarkeit in deszendierenden, aus serotonergen Hirnstammkernen stammenden Bahnen der Schmerzmodulation. Eine verstärkte serotonerge Übertragung trägt vermutlich zur spinalen Schmerzhemmung bei und beeinflusst zugleich Stimmung, Schlaf und die allgemeine Symptomlast bei chronischen Schmerzen.
Hemmung der Noradrenalin-(NA-)Wiederaufnahme
SNRI blockieren zusätzlich den Noradrenalintransporter (NET) und erhöhen damit die NA-Verfügbarkeit in deszendierenden, vom Locus coeruleus ausgehenden hemmenden Bahnen. Eine noradrenerge Aktivität an spinalen Alpha-2-Adrenozeptoren gilt als wichtiger Beitrag zur Analgesie. Das ist ein Grund, warum SNRI mit klinisch relevanter NA-Komponente bei Schmerz häufig besser abschneiden als Wirkstoffe, die überwiegend als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wirken.
Profil von Duloxetin
Duloxetin bietet eine klinisch nutzbare duale Hemmung der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme und gilt häufig als der am besten untersuchte SNRI bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz. Es bindet kaum an muskarinische, histaminerge oder Alpha-1-adrenerge Rezeptoren — das hilft zu erklären, warum sein Nebenwirkungsprofil in der Regel günstiger ausfällt als das trizyklischer Antidepressiva.
Profil von Venlafaxin
Venlafaxin verhält sich dosisabhängig. In niedrigen Dosen wirkt es eher serotonin-betont; eine klinisch relevante Hemmung der Noradrenalin-Wiederaufnahme rückt typischerweise erst bei höheren Dosen — meist oberhalb 150 mg/Tag — stärker in den Vordergrund. Aus diesem Grund kann niedrig dosiertes Venlafaxin für die Schmerztherapie weniger überzeugend sein als eine höher dosierte Therapie.
Profil von Milnacipran
Milnacipran ist im Vergleich zu Duloxetin und Venlafaxin stärker noradrenalinselektiv. Dieses Profil kann bei einem Teil der Behandelten mit Schmerz, Erschöpfung und einem Beschwerdebild im Spektrum der Fibromyalgie attraktiv sein. Das individuelle Ansprechen lässt sich aus dem Rezeptorverhältnis allein jedoch nicht zuverlässig vorhersagen.
Modulation der zentralen Sensibilisierung
Bei chronischen myofaszialen Schmerzen kann ein anhaltender nozizeptiver Input zu zentraler Sensibilisierung und einer beeinträchtigten deszendierenden Hemmung beitragen. SNRI werden in diesem Zusammenhang eingesetzt, weil sie die deszendierenden modulatorischen Bahnen stärken und eine verstärkte Schmerzverarbeitung dämpfen können — vor allem dann, wenn ein verbreiteter Schmerz, Schlafstörungen, Stimmungssymptome oder eine Überlappung mit einer Fibromyalgie bestehen.
Vergleich mit trizyklischen Antidepressiva
Im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva (TZA) sind SNRI selektiver und gehen in der Regel mit weniger anticholinergen Wirkungen, geringerer Sedierung und einem niedrigeren kardialen Toxizitätsrisiko einher. TZA können dennoch bei einzelnen Schmerzphänotypen wirksam sein, weil sie pharmakologisch breiter angreifen. Wenn Verträglichkeit und Sicherheit zählen, werden SNRI häufig bevorzugt.
Profile der einzelnen Wirkstoffe
Duloxetin
Am besten untersucht bei Schmerz5-HT > NA
Zugelassene Indikationen
Schlüsselevidenz
- Zählt zu den am besten untersuchten SNRI bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz
- Randomisierte Studien stützen einen Nutzen bei chronischem Kreuzschmerz und arthroseassoziiertem Schmerz
- Stützung auch bei Fibromyalgie und anderen zentral verstärkten Schmerzbildern
- Wird häufig bevorzugt, wenn Schmerz und depressive bzw. ängstliche Symptome zusammen auftreten
- Die direkteste Evidenz besteht bei verwandten chronischen Schmerzbildern, weniger bei isolierten Studien zum myofaszialen Schmerzsyndrom
Häufige Nebenwirkungen
- Übelkeit (häufige frühe Nebenwirkung, in der Regel innerhalb von 1–2 Wochen rückläufig)
- Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, Verstopfung
- Schwindel, Müdigkeit
- Verminderter Appetit
Stoffwechsel und Wechselwirkungen
Hepatischer Abbau über CYP1A2 (vorwiegend) und CYP2D6. Starke CYP1A2-Hemmer wie Fluvoxamin oder Ciprofloxacin können den Spiegel erhöhen. Auch CYP2D6-Wechselwirkungen sind im Einzelfall relevant.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
- Bei deutlich eingeschränkter Leberfunktion oder erheblichem Alkoholkonsum nur mit Vorsicht oder gar nicht anwenden
- Selten, aber relevant sind Berichte über Leberzellschäden — bei klinischem Verdacht Leberwerte kontrollieren
- Kontraindiziert in Kombination mit MAO-Hemmern (Auswaschphase von 14 Tagen erforderlich)
Venlafaxin
Dosisabhängige AnalgesieIn niedriger Dosis serotonin-betont; bei höheren Dosen ausgeprägteres duales Profil
Zugelassene Indikationen
Schlüsselevidenz
- Schmerzbezogene Hinweise zeigen sich vor allem bei höheren Dosen, in denen die Hemmung der NA-Wiederaufnahme stärker zum Tragen kommt
- Hinweise auf Effekte bei neuropathischen und kopfschmerzassoziierten Schmerzbildern
- Direktevidenz bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz ist geringer als für Duloxetin
- Kommt in Betracht, wenn parallel eine Stimmungs- oder Angstbehandlung gewünscht ist und Duloxetin nicht infrage kommt
Häufige Nebenwirkungen
- Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwindel, Schlafstörungen
- Blutdruckanstieg ist bei höheren Dosen relevant — regelmäßige Kontrolle
- Schwitzen, häufig nachts
- Absetzsymptome können ausgeprägt sein und erfordern in der Regel ein langsames Ausschleichen
Stoffwechsel und Wechselwirkungen
Hepatischer Abbau über CYP2D6 (vorwiegend) zum aktiven Metaboliten O-Desmethylvenlafaxin, mit CYP3A4 als Nebenweg. CYP2D6-Phänotyp und Wechselwirkungen können das Ansprechen beeinflussen.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
- Blutdruck regelmäßig kontrollieren, besonders über 150 mg/Tag
- Absetzsyndrom kann deutlich ausgeprägt sein — nicht abrupt absetzen
- Kontraindiziert in Kombination mit MAO-Hemmern
- Bei nicht eingestellter arterieller Hypertonie zurückhaltend einsetzen
Milnacipran
Stärker NA-selektivNA > 5-HT
Zugelassene Indikationen
Schlüsselevidenz
- Die formal stärkste Evidenz besteht bei Fibromyalgie, weniger bei isoliertem myofaszialem Schmerz
- Kann Schmerz, Erschöpfung und globales Befinden bei einem Teil der Behandelten mit Fibromyalgie verbessern
- Eine sinnvolle Option bei vermuteter Überlappung von Fibromyalgie und myofaszialem Schmerz
- Wird häufig erwogen, wenn Duloxetin nicht ausreichend wirkt oder schlecht vertragen wird
Häufige Nebenwirkungen
- Übelkeit (häufig), Kopfschmerzen, Verstopfung
- Erhöhte Herzfrequenz, Herzklopfen
- Hitzewallungen, vermehrtes Schwitzen
- Miktionsbeschwerden oder verzögerter Beginn der Blasenentleerung in einem Teil der Fälle
- Eine zweimal-tägliche Einnahme ist weniger praktisch als einmal-tägliche Alternativen
Stoffwechsel und Wechselwirkungen
Vorwiegend renale Ausscheidung mit nur geringer CYP-Beteiligung. Dadurch ist Milnacipran weniger anfällig für viele hepatisch geprägte Arzneimittelinteraktionen, was bei komplexer Begleitmedikation hilfreich sein kann.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
- Kann Blutdruck und Herzfrequenz erhöhen — regelmäßige Kontrolle
- Kontraindiziert in Kombination mit MAO-Hemmern
- Bei eingeschränkter Nierenfunktion mit Vorsicht einsetzen (Dosisreduktion bei deutlicher Einschränkung)
- Kosten und Verfügbarkeit können limitierende Faktoren sein
Desvenlafaxin
Übersichtlicheres CYP-Profil5-HT > NA
Zugelassene Indikationen
Schlüsselevidenz
- Schmerzbezogene Direktevidenz ist geringer als für Duloxetin oder Venlafaxin
- Wird häufiger wegen pharmakokinetischer Einfachheit als wegen besonderer Schmerzdaten gewählt
- Kann nützlich sein, wenn CYP2D6-Interaktionen Venlafaxin weniger attraktiv machen
- Die schmerzbezogene Anwendung beruht überwiegend auf Klasseneffekten, nicht auf robusten Direktstudien
Häufige Nebenwirkungen
- Übelkeit, Schwindel, Schlafstörungen, vermehrtes Schwitzen
- Absetzsymptome treten auf, häufig in geringerer Ausprägung als unter Venlafaxin
- Erhöhter Blutdruck möglich
- Verstopfung, Mundtrockenheit
Stoffwechsel und Wechselwirkungen
Überwiegend Konjugation (UGT) mit nur geringer Beteiligung von CYP3A4 und nahezu keiner Abhängigkeit von CYP2D6. Damit eine der vergleichsweise interaktionsarmen SNRI-Optionen.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
- Blutdruck kontrollieren
- Beim Absetzen schrittweise reduzieren
- Kontraindiziert in Kombination mit MAO-Hemmern
- Begrenzte Direktevidenz bei Schmerz — am ehesten geeignet, wenn das Interaktionsprofil im Vordergrund steht
Klinische Evidenz bei myofaszialen Schmerzen
Eigene randomisierte Studien zu einem isolierten myofaszialen Schmerzsyndrom sind begrenzt. Die Rationale für SNRI ergibt sich vor allem aus stärkerer Evidenz bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz, Fibromyalgie und chronischem Kreuzschmerz — Bildern, die häufig mit einer myofaszialen Komponente einhergehen oder mit ihr überlappen.
Skljarevski et al. (2010)
Chappell et al. (2009)
Clauw et al. (2008)
Mease et al. (2009)
Lunn et al. (2014) — Cochrane-Übersichtsarbeit
Expertenkonsens — Übertragung auf myofaszialen Schmerz
Mäßiger Nutzen
Wirkeintritt 1–2 Wochen
Zentrale Sensibilisierung
Nebenwirkungen und Umgang damit
SNRI werden häufig besser vertragen als TZA, dennoch sind Nebenwirkungen relevant — besonders in den ersten Tagen bis Wochen. Eine frühzeitige Aufklärung über Übelkeit, Schwindel, Schwitzen, Schlafveränderungen und das spätere Ausschleichen verbessert die Therapietreue spürbar.
SNRI vs. TZA vs. Gabapentinoide

SNRI im Vergleich zu TZA und Gabapentinoiden
VergleichsgrafikWirksamkeit bei muskuloskelettalem Schmerz
Nebenwirkungslast
Kosten (Richtwerte)
Evidenzniveau bei myofaszialen Schmerzen
Geeignete Kandidatinnen und Kandidaten
Wechselwirkungen
Sicherheit bei Überdosierung
Praktische Verordnung bei myofaszialen Schmerzen
Auswahl der Erstlinie
Aufdosierungsschema
Begleitung während der Aufdosierung
Beurteilung der Wirksamkeit
Bei unzureichendem Ansprechen
Behandlungsdauer und Absetzen
Kurzübersicht: Auswahl eines SNRI
Beginnen Sie mit Duloxetin, wenn …
- Sie den am besten untersuchten SNRI bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz wünschen
- chronischer Schmerz mit depressiven oder ängstlichen Symptomen einhergeht
- Hinweise auf eine zentrale Sensibilisierung bestehen
- eine Überlappung mit einer Fibromyalgie möglich ist
- eine einmal-tägliche Einnahme bevorzugt wird
Wechseln Sie zu Milnacipran, wenn …
- Duloxetin nicht vertragen wird oder nicht ausreichend wirkt
- fibromyalgieähnliche Merkmale im Vordergrund stehen
- hepatische Bedenken eine stärker renal eliminierte Option sinnvoll erscheinen lassen
- umfangreiche Polymedikation CYP-Wechselwirkungen kritischer macht
Erwägen Sie Venlafaxin, wenn …
- parallel eine Migräneprophylaxe relevant ist
- die behandelte Person bereits aus psychiatrischen Gründen Venlafaxin einnimmt
- eine höher dosierte SNRI-Therapie akzeptabel ist
- der Blutdruck zuverlässig kontrolliert werden kann
Erwägen Sie Desvenlafaxin, wenn …
- CYP2D6-Wechselwirkungen ein wesentliches Problem darstellen
- ein einfacheres Interaktionsprofil besonders wichtig ist
- die Depression im Vordergrund steht und der Schmerz mitbehandelt werden soll
- andere SNRI wegen Stoffwechselaspekten weniger geeignet erscheinen
Bei persistierenden muskuloskelettalen Schmerzen wird Duloxetin häufig als der SNRI mit der breitesten direkten Evidenz in verwandten Schmerzbildern zuerst erwogen.
SNRI können Schmerz möglicherweise reduzieren, indem sie deszendierende serotonerge und noradrenerge Hemmbahnen stärken — nicht nur, indem sie eine depressive Symptomatik behandeln.
Die noradrenerge Aktivität spielt für die Analgesie offenbar eine besondere Rolle. Das ist ein Grund, warum höher dosiertes Venlafaxin und stärker NA-selektive Wirkstoffe sich anders verhalten können als niedrig dosierte, serotonin-betonte Therapien.
SNRI sind klinisch oft dann hilfreich, wenn zentrale Sensibilisierung, verbreitete Schmerzen, Schlafstörungen, depressive bzw. ängstliche Symptome oder eine Überlappung mit einer Fibromyalgie zum Bild gehören.
Im Vergleich zu TZA bieten SNRI in der Regel ein günstigeres Nebenwirkungsprofil und ein geringeres Risiko bei Überdosierung; TZA können dennoch bei einzelnen Behandelten besser wirken.
Venlafaxin benötigt in der Regel höhere Dosen, um die für die Schmerzbehandlung relevante noradrenerge Komponente klinisch deutlich zu erreichen.
Milnacipran ist eine sinnvolle Alternative, wenn Duloxetin nicht vertragen wird oder wenn hepatische Aspekte eine stärker renal eliminierte Option sinnvoll erscheinen lassen.
Eine ausreichende Therapiedauer ist wichtig: Erste Effekte können sich innerhalb von 1 bis 2 Wochen zeigen; eine umfassendere Beurteilung gelingt meist erst nach mehreren Wochen unter therapeutischer Dosis.
Das Absetzen sollte schrittweise erfolgen — besonders bei Venlafaxin, dessen Absetzsymptome häufig ausgeprägter ausfallen.
SNRI wirken am ehesten als Baustein eines multimodalen Plans, der Schlaf, Bewegung, triggerpunktgerichtete Verfahren, Ergonomie und stressbezogene Verstärker mit einbezieht.
Hinweis zum Absetzen von SNRI