Überblick

Gabapentin – Diagramm zum Wirkmechanismus
Mechanism of Action DiagramGabapentinoide sind eine Klasse antikonvulsiv wirksamer Substanzen, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten in der chronischen Schmerztherapie etabliert haben. Trotz des Namens wirken sie nicht an GABA-Rezeptoren. Ihr Mechanismus beruht auf der Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle; daraus wird eine gedämpfte Freisetzung erregender Botenstoffe an Synapsen im spinalen Hinterhorn abgeleitet.
Pregabalin (Lyrica) ist in Deutschland und der EU für periphere und zentrale neuropathische Schmerzen, bei generalisierter Angststörung und als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen zugelassen. In den USA besteht eine Zulassung bei Fibromyalgie – in DE/EU ist das nicht der Fall. Gabapentin (Neurontin) ist in Deutschland und der EU für postherpetische Neuralgie, periphere neuropathische Schmerzen und als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen zugelassen. Beide Substanzen werden bei verschiedenen chronischen Schmerzbildern off-label eingesetzt – die Anwendung beim MPS gehört dazu.
Beim Myofaszialen Schmerzsyndrom (MPS) erscheinen Gabapentinoide vor allem dann sinnvoll, wenn klinische Hinweise auf eine zentrale Sensibilisierung bestehen – also auf eine verstärkte Schmerzverarbeitung in Rückenmark und Gehirn, die Triggerpunkte schmerzhafter, ausgedehnter und gegenüber rein peripheren Maßnahmen weniger ansprechend werden lassen kann. Die lokale Triggerpunktbehandlung bleibt in dieser Situation wichtig, reicht aber häufig nicht aus; eine zentral wirksame Substanz kann die anhaltende Verstärkung zusätzlich adressieren.
Wirkmechanismus
Die analgetischen Effekte der Gabapentinoide lassen sich auf einen molekular gut beschriebenen Mechanismus zurückführen, der an der α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle ansetzt. Aus den einzelnen Schritten wird verständlich, warum diese Substanzen vor allem bei zentraler Sensibilisierung erwogen werden und weniger bei akuten, lokal begrenzten Schmerzen.
Gabapentinoide entfalten ihren möglichen Nutzen am ehesten bei der neuropathisch-zentralen Komponente myofaszialer Beschwerden – etwa bei brennenden, kribbelnden oder elektrisierenden Empfindungen, die auf eine Nervenbeteiligung hindeuten können.

Wirkmechanismus – Mechanismusdiagramm
Mechanism DiagramBindung an die Alpha-2-Delta-(α2δ-)Untereinheit
Geringere Freisetzung erregender Botenstoffe
Anti-allodynische und anti-hyperalgetische Effekte
Dämpfung des Wind-up
Modulation der absteigenden Bahnen
Nicht GABA-erg – eine wichtige Klarstellung
Bezug zum Myofaszialen Schmerzsyndrom (MPS)
Wirkstoffprofile im Detail
Gabapentin (Neurontin, Generika)
Häufig eingesetztes GenerikumDosierung bei Schmerz
Dosierung individuell ärztlich abgestimmt; einschleichend titriert. Konkrete Tagesdosis, Steigerungsrhythmus und Maximaldosis legen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte fest.
Bioverfügbarkeit (relevante Einschränkung)
Nichtlinear und dosisabhängig – eine relevante pharmakokinetische Einschränkung. Mit steigender Dosis nimmt die Bioverfügbarkeit ab. Hintergrund ist ein sättigbarer L-Aminosäure-Transporter im proximalen Dünndarm: erreicht das Aufnahmesystem seine Kapazitätsgrenze, passiert ein zunehmender Anteil des Wirkstoffs unresorbiert.
Zulassungen
In Deutschland zugelassen für postherpetische Neuralgie, periphere neuropathische Schmerzen und als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen. Die Anwendung beim MPS ist nicht zulassungskonform und erfolgt off-label.
Wichtige Studien
Backonja et al. (1998) – frühe Studie zu neuropathischem Schmerz. Spezifische randomisierte Studien zum MPS sind rar; die Evidenz wird überwiegend aus Studien zu neuropathischen Schmerzen und zur Fibromyalgie übertragen.
Häufige Nebenwirkungen
Schwindel und Somnolenz zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen. Weiter beobachtet werden periphere Ödeme, Gewichtszunahme, Ataxie und kognitive Verlangsamung. Häufigkeit und Ausprägung sind individuell unterschiedlich.
- Kein hepatischer Metabolismus – unveränderte renale Ausscheidung
- Kaum klinisch relevante Arzneimittelinteraktionen (kein CYP-Substrat oder -Inhibitor)
- Als Generikum vergleichsweise kostengünstig
- Langjährige klinische Erfahrung mit umfassenden Sicherheitsdaten
- Mehrfachgabe pro Tag kann die Therapietreue erschweren
- Nichtlineare Resorption macht die Dosis-Wirkungs-Beziehung im oberen Bereich weniger vorhersagbar
- Langsame Auftitration nötig – mehrere Wochen bis zur Zieldosis
- Schwindel und Somnolenz können dosislimitierend sein, besonders zu Beginn
Pregabalin (Lyrica, Generika)
Zugelassen bei neuropathischen SchmerzenDosierung bei Schmerz
Dosierung individuell ärztlich abgestimmt; einschleichend titriert. Konkrete Tagesdosis, Steigerungsrhythmus und Maximaldosis legen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte fest.
Bioverfügbarkeit (wesentlicher Vorteil)
Linear und dosisproportional über den Dosisbereich – ein wesentlicher pharmakokinetischer Vorteil gegenüber Gabapentin. Die Resorption hängt nicht von einem sättigbaren Transporter ab; eine Dosisverdopplung führt in der Regel zu einer Verdopplung der Plasmakonzentration.
Zulassungen
In Deutschland zugelassen für periphere und zentrale neuropathische Schmerzen, bei generalisierter Angststörung sowie als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen. In den USA besteht zusätzlich eine Zulassung bei Fibromyalgie; in Deutschland und der EU ist dies nicht der Fall – eine Anwendung dort erfolgt off-label.
Wichtige Studien
Arnold et al. (2008) – randomisiert-kontrollierte Studie (J Pain): Pregabalin zeigte gegenüber Placebo eine messbare Schmerzreduktion bei Fibromyalgie. Crofford et al. (2005, Arthritis & Rheumatism): unter Pregabalin erreichte ein größerer Anteil der Behandelten als unter Placebo eine ≥ 50 %-ige Schmerzreduktion. Konkrete NNT-Angaben variieren zwischen systematischen Übersichtsarbeiten.
Häufige Nebenwirkungen
Schwindel und Somnolenz sind häufig. Weiter beobachtet werden Gewichtszunahme, periphere Ödeme, verschwommenes Sehen, Mundtrockenheit und kognitive Beeinträchtigung. Häufigkeit und Ausprägung sind individuell unterschiedlich.
- Lineare Resorption – vorhersagbare, dosisproportionale Pharmakokinetik
- Zweimal tägliche Einnahme kann die Therapietreue verbessern
- Schnellere Titration zur Zieldosis als unter Gabapentin
- In der EU für mehrere neuropathische Indikationen sowie bei generalisierter Angststörung zugelassen
- Stärkere Evidenzbasis bei Fibromyalgie als Gabapentin
- Höhere Therapiekosten als Gabapentin
- Gewichtszunahme kann ausgeprägter sein als unter Gabapentin
- Periphere Ödeme können relevant werden, vor allem in Kombination mit Thiazolidindionen
- Berichte über Euphorie und Missbrauch – die Verordnungspraxis sollte das berücksichtigen
Gabapentin Enacarbil (Horizant)
Retard-ProdrugEin retardiertes Prodrug von Gabapentin, das über die hochkapazitären Transporter MCT-1 und SMVT im Darm aktiv resorbiert wird und so die sättigbare L-Aminosäure-Transporter-Limitation des Standardgabapentins umgeht. Die Resorption verläuft dosisproportional, ähnlich wie bei Pregabalin.
Mirogabalin (Tarlige)
α2δ-Ligand der nächsten GenerationEin α2δ-Ligand der nächsten Generation mit höherer Bindungsselektivität für die α2δ-1- gegenüber der α2δ-2-Untereinheit. Entwickelt und vertrieben überwiegend in Japan durch Daiichi Sankyo. Zugelassen für periphere neuropathische Schmerzen in mehreren asiatischen Ländern.
Klinische Evidenz beim MPS
Die direkte Studienevidenz zu Gabapentinoiden speziell beim Myofaszialen Schmerzsyndrom ist begrenzt. Der Großteil der Evidenz stammt aus Studien zu neuropathischen Schmerzen und zur Fibromyalgie. Die klinische Übertragung auf das MPS stützt sich auf die deutliche pathophysiologische Überlappung – besonders die zentrale Sensibilisierung – zwischen diesen Erkrankungen.
Fibromyalgie-Evidenz (Überlappung mit chronischem MPS)
- Pregabalin erreichte in einer kontrollierten Fibromyalgie-Studie eine ≥ 50 %-ige Schmerzreduktion bei einem deutlich größeren Anteil der Behandelten als Placebo (Crofford et al., 2005, Arthritis & Rheumatism). In Arnold et al. (2008, J Pain) verbesserten sich die mittleren Schmerzwerte über mehrere Dosisarme.
- Eine relevante Untergruppe der Behandelten kann eine klinisch bedeutsame Linderung erreichen; auf Populationsebene bleibt der Effekt jedoch bescheiden – viele profitieren nur teilweise oder gar nicht.
- Daten zu Gabapentin bei Fibromyalgie sind dünner – wenige große randomisiert-kontrollierte Studien.
Expertenkonsens und klinische Praxis
- Expertenmeinungen unterstützen den Einsatz von Gabapentinoiden, wenn klinisch eine zentrale Sensibilisierung im Vordergrund steht
- Erfahrungsgemäß am ehesten geeignet bei Personen mit MPS und Hinweisen auf zentrale Sensibilisierung: breite Druckempfindlichkeit, Allodynie, temporale Summation, nicht erholsamer Schlaf
- Wenig Evidenz bei akuten oder streng lokalisierten myofaszialen Beschwerden ohne Hinweise auf zentrale Sensibilisierung
Zentrale Sensibilisierung – wann sie zu vermuten ist
Die zentrale Sensibilisierung ist eine wichtige Indikation, ein Gabapentinoid in den MPS-Behandlungsplan aufzunehmen. Ihre klinischen Hinweise zu erkennen, ist entscheidend für eine sinnvolle Patientinnen- und Patientenauswahl.
Verbreiteter Schmerz jenseits erwarteter Ausstrahlungsmuster
Allodynie
Hyperalgesie
Temporale Summation (Wind-up)
Erweiterte rezeptive Felder
Schlafstörung, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung
Central Sensitization Inventory (CSI) ab 40 Punkten
Nebenwirkungen und Sicherheit
Gabapentin vs. Pregabalin – direkter Vergleich

Gabapentin und Pregabalin – direkter Vergleich
Head to HeadResorption
Einnahmefrequenz
Zeit bis zur Zieldosis
Zulassung bei Fibromyalgie
Therapiekosten (Generikum)
Arzneimittelinteraktionen
Gewichtszunahme
Missbrauchspotenzial
Renale Dosisanpassung
Gabapentinoide vs. TZA vs. SNRIs
Drei Klassen zentral wirksamer Medikamente werden beim chronischen MPS mit Hinweisen auf zentrale Sensibilisierung in Erwägung gezogen. Die Auswahl hängt vom individuellen Symptomprofil, den Begleiterkrankungen und der Verträglichkeit ab.
Primärer Mechanismus
Bevorzugt erwogen bei
Typische Vertreter
Effekt auf den Schlaf
Gewichtseffekt
Kardiale Sicherheit
Arzneimittelinteraktionen
Praktische Verordnung beim MPS
Wann Gabapentinoide bei MPS in Erwägung zu ziehen sind
- Klinische Hinweise auf zentrale Sensibilisierung (Allodynie, breite Druckempfindlichkeit, temporale Summation)
- Schlaf durch Schmerz erheblich beeinträchtigt – Gabapentinoide können die Schlafarchitektur günstig beeinflussen
- Trizyklische Antidepressiva (TZA) nicht verträglich (kardiale Bedenken, anticholinerge Effekte, ausgeprägte Sedierung)
- SNRIs nicht ausreichend wirksam oder kontraindiziert
- Neuropathische Anteile bestehen parallel zu myofaszialen Triggerpunkten
- Überlappende Symptomatik mit Fibromyalgie
Auswahl: Gabapentin oder Pregabalin
- Eher Gabapentin: bei Kostensensibilität, im ersten Therapieversuch innerhalb der Klasse
- Eher Pregabalin: bei vorhandener Fibromyalgie, gewünschter vorhersagbarer Pharmakokinetik, unzureichendem Ansprechen auf Gabapentin oder Therapietreueproblemen unter Mehrfachgabe
- Wechsel von Gabapentin auf Pregabalin: bei unzureichendem Ansprechen unter angemessener Gabapentin-Dosis, Hinweisen auf relevante Resorptionslimitation oder anhaltend problematischer Einnahmefrequenz
Grundprinzipien der Aufdosierung
- Niedrig beginnen und langsam steigern – Tempo und Zielbereich werden individuell ärztlich festgelegt
- Schlafkomponente zuerst: die Abenddosis verbessert in der Regel zunächst den Schlaf, später erst die Schmerzlinderung
- Ältere Erwachsene: mit kleinerer Anfangsdosis starten und langsamer steigern; Sturzrisiko und kognitive Belastung beachten
- Mehrere Wochen unter Zieldosis abwarten, bevor die Wirksamkeit beurteilt wird
Kombinationsstrategien
- Gabapentinoide mit Physiotherapie: durch Reduktion zentraler Schmerzkomponenten kann die Teilnahme an manueller Therapie und aktivem Übungsprogramm leichter fallen
- Gabapentinoide mit Triggerpunktinjektionen: peripherer und zentraler Wirkansatz lassen sich kombinieren
- Gabapentinoide mit SNRIs: ein additiver Nutzen über unterschiedliche Mechanismen ist möglich, allerdings auch ein höheres Nebenwirkungsprofil – sorgfältige Abwägung
- Kombination mit Opioiden möglichst meiden – erhöhtes Risiko für Atemdepression
- Gabapentin und Pregabalin nicht miteinander kombinieren – gleicher Mechanismus, kein Zusatznutzen, aber summierende Nebenwirkungen
Therapiedauer und Reevaluation
- Einen begrenzten Therapieversuch planen und unter Zieldosis evaluieren
- Regelmäßig reevaluieren – bessern sich Hinweise auf zentrale Sensibilisierung?
- Bei guter Triggerpunktbehandlung und stabiler Symptomlage Ausschleichen erwägen
- In einem Teil der Fälle ist eine längerfristige Erhaltungstherapie sinnvoll, vor allem bei chronisch verbreitetem Schmerz oder Fibromyalgie-Überlappung
- Beim Absetzen schrittweise reduzieren – niemals abrupt beenden
Gabapentin und Pregabalin wirken durch Bindung an die Alpha-2-Delta-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle – trotz des Namensbestandteils „Gabapentin" sind sie nicht GABA-erg.
Eine zentrale Rolle bei MPS liegt in der Adressierung der zentralen Sensibilisierung – der verstärkten spinalen Schmerzverarbeitung, die sich bei chronisch persistierenden Triggerpunkten entwickeln kann.
Pregabalin bietet eine lineare Resorption und zweimal tägliche Einnahme – pharmakokinetisch günstig – ist jedoch teurer als Gabapentin.
Gabapentin zeigt eine nichtlineare, sättigbare Resorption, die die Bioverfügbarkeit bei höheren Dosen begrenzt; es ist preisgünstig, breit verfügbar und weist kaum klinisch relevante Arzneimittelinteraktionen auf.
Die direkte Studienevidenz zu Gabapentinoiden speziell beim MPS ist begrenzt – der Großteil wird aus Studien zu Fibromyalgie und neuropathischen Schmerzen übertragen.
In Deutschland und der EU ist Pregabalin nicht für Fibromyalgie zugelassen (anders als in den USA); ein Einsatz bei dieser Indikation erfolgt in DACH off-label und sollte sorgfältig aufgeklärt werden.
Geeignete Kandidatinnen und Kandidaten sind Personen mit MPS und Hinweisen auf zentrale Sensibilisierung: breite Druckempfindlichkeit, Allodynie, temporale Summation, gestörter Schlaf, CSI-Werte ab 40.
Niedrig beginnen, langsam steigern – und mehrere Wochen unter Zieldosis abwarten, bevor die Wirksamkeit beurteilt wird.
Kombination mit Physiotherapie und Triggerpunktbehandlung als multimodaler Ansatz, der periphere und zentrale Mechanismen adressiert.
Behördliche Warnhinweise: erhöhtes Risiko für Atemdepression in Kombination mit Opioiden oder anderen ZNS-Dämpfern. Nicht abrupt absetzen – schrittweise ausschleichen.
Einen begrenzten Therapieversuch einplanen und anschließend reevaluieren. Bei stabiler Triggerpunktsituation und gebesserter zentraler Sensibilisierung schrittweise ausschleichen.
Gabapentinoide: bitte ausschleichen